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Noch nicht sehr META – Das VR Konzert im Erfahrungsbericht

Inhalt

    Ein (Miss-)Erfolgserlebnis

    Als ich mal wieder auf den üblichen Verdächtigen (techradar; uploadVR; mixed.de) der VR-Internetseiten surfte, war das VR Konzert der Foo Fighters auf Metas Plattform Horizon Venues das Gesprächsthema schlechthin. Nicht, weil es so ein großer Erfolg war, sondern vielmehr das Gegenteil. Etliche User berichteten von Problemen beim Login samt server crashes und – sofern man es geschafft hatte, sich einzuloggen – sah man ein vorab aufgezeichnetes Konzert, das lediglich zwei 180 Grad monoskopische Videostreams hatte. Das Ganze schien also ein wenig ein Schuss in den Ofen gewesen zu sein.

    Leider – vielleicht in diesem Fall glücklicherweise – ist Metas Horizon Venues App nicht in Deutschland verfügbar (mehr Infos zum Konzert findet ihr hier). Aber angestachelt von den Berichten machte ich mich auf die Suche nach einer Möglichkeit, Konzerte in VR anzusehen. Klar gibt es auch schon virtuelle Konzerte, die teilweise Millionen Zuschauer begeistern.

    • Marshmallow mit über 10 Millionen Zuschauern in Fortnite
    • John Legend als Avatar in WaveXR
    • Wacken XR mit virtueller “Mixed Reality” Bühne von Magenta Music 360

    Diese Konzerte sind aber noch für den ordinären Flachbildfernseher gedacht und nicht wirklich das, was ich mir unter einem VR Konzert vorstelle. Da ich zu Recherchezwecken “nur” eine Meta Quest 2 zur Verfügung habe, beschränkte sich die Suche auf den Meta Quest Store.

    Gibt’s überhaupt VR-Konzerte im Store?

    Die Ernüchterung erfolgte sogleich: Unter dem Schlagwort “Konzert” gibt es im Store schlicht und ergreifend null Treffer. Mit “concert” hatte ich ein wenig mehr Erfolg; unter anderem wird mir Horizon Venues vorgeschlagen, was wie gesagt in Deutschland noch nicht freigegeben ist.

    Auch Youtube VR und Netflix werden mir angezeigt, aber diese Apps verbinde ich auf den ersten Blick nicht wirklich mit einem VR-Konzert. Natürlich sind es ernstzunehmende Streaming-Anbieter – gerade auf YouTube hat man mit 360°- oder 180°-Videos viele Möglichkeiten, sich virtuelle Konzertaufzeichnungen anzuschauen.

    Zumindest wird auch Ambisonics unterstützt, was aber leider nur in Ausnahmefällen produziert ist. Meist muss man sich mit 360°-Videos begnügen, bei denen die Kamera auf der Bühne oder im Publikum fest installiert ist und die Wichtigkeit des Tons gefühlt keine Rolle spielt. Hier ein typisches Beispiel an dem VRtonung vielleicht – vielleicht aber auch nicht beteiligt war 😉

    Für den Test lade ich mir die Apps VARK und MELODY VR auf die Meta Quest 2 herunter. Gefühlt war es das aber auch schon mit der Auswahl an Apps, die in ihrer kurzen Beschreibung etwas mit Konzerten oder musikalischen Performances zu tun haben.

    Anime in der virtuellen Karaoke Bar

    Als erstes starte ich die App VARK. Der Login ist schnell gemacht; man muss keine E-Mail angeben. Nachdem ein Name und ein ganz witziger Anime-Charakter erstellt sind, kann man direkt loslegen. Der Anime-Stil ist dann auch das Hauptthema von VARK – was bei einer japanischen Entwicklerfirma vielleicht auch nicht gerade überraschend ist. In der virtuellen Konzertarena angekommen gibt es dann die erste kleine Enttäuschung. Es gibt nicht sonderlich viele Konzerte und diese kosten dann auch virtuell Cash, die man in der App (mit Yen!) in Echt kaufen kann. Immerhin gibt es genau ein Konzert gratis. Das Konzert fühlt sich mehr nach einem virtuellen Karaoke-Abend an. Der Song ist poppig und auf japanisch, weshalb ich kein einziges Wort verstehe. Halb so wild, K-Pop und J-Pop wurden auch so zum internationalem Erfolg.

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    Ich befinde mich mitten im virtuellen Publikum und habe zwei Glowsticks in der Hand, mit denen ich fuchteln kann. Ein paar nette Gags sind auch eingebaut: Kleine Feuerwerke oder Blumen können in Richtung Bühne geworfen werden. Wer auf japanische Anime im Sinne von Miku Hatsune steht, findet hier bestimmt Gefallen, meinen Geschmack hat es nicht ganz getroffen (fairerweise wurde ich schon durch die App-Beschreibung vorgewarnt, was mich erwartet).

    Wo bitte geht’s hier zum Konzert?

    Etwas irritiert, aber dann doch ganz gut amüsiert schließe ich VARK und starte gleich die nächste App: MelodyVR. Die Beschreibung klingt schonmal vielversprechend:

    “MelodyVR is your all access pass to live music in virtual reality.”

    Und auch musikalisch scheint es vielfältig zu sein, von Klassik über Hip Hop zu Country.

    Doch die Ernüchterung folgt relativ schnell. Im Menü habe ich mehrere Kategorien zur Auswahl; neugierig wähle ich “Originals”. Hier finde ich sogar einige kostenlose "Konzerte". Bei näherem Hinsehen allerdings entpuppen sich diese eher als Appetizer: Die Länge beträgt zwischen sechs und zehn Minuten.

    Der Künstlername “Kygo” sagt mir was, also starte ich damit. Wenige Sekunden später finde ich mich auf einem Hochhausdach (vermutlich in Miami) wieder und Kygo sitzt an einem Flügel und klimpert ein paar Songs.

    Enttäuschend ist nicht so sehr die Musik, sondern vielmehr die technische Umsetzung: Es gibt nur eine Perspektive, die, ähnlich wie beim Foo Fighters-Konzert, lediglich ein monoskopisches 360°-Video ist. Schlimmer noch: Das VR-Konzert wird in klassischem Stereo-Sound ausgespielt. So richtig VR-Feeling will sich da nicht einstellen.

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    Auch die Snippets von anderen VR Konzerten sehen nicht vielversprechender aus. Zwar gibt es mal mehr oder weniger Perspektiven; die Qualität von Bild und Ton ist aber nicht das, was ich mir für ein VR-Konzert erhofft hätte.

    Das ist auch der Grund, warum ich erst gar nicht auf die Idee komme, für ein anderes VR Konzert in der App zu zahlen. Schließlich kosten die sogar ganz gut Geld – im Schnitt zehn Euro. Klar ist das günstiger als die meisten echten Konzerte und zeigt auch, wie sowas langfristig für Bands und Künstler interessant werden kann. Aber gefühlt braucht es hier noch ein paar Jährchen.

    Das war’s schon für VR Konzerte? Noch nicht ganz!

    Etwas enttäuscht ziehe ich die Oculus aka Meta Quest vom Kopf. Das soll es an VR-Konzerten gewesen sein? So schnell will ich noch nicht aufgeben, also google ich im Netz und finde nach etwas Recherche doch noch eine vielversprechende App: STAGEVERSE.

    Die App ist nicht direkt im Oculus Store zu finden, sondern nur im “App Lab” – einer Art virtuellem Laboratorium, wo Entwickler ihre Beta-Versionen hochladen und testen lassen können. Dennoch klingt auch hier die Beschreibung wieder vielversprechend:

    “Dive into concerts, explore interactive art exhibits, stumble upon secret speakeasy pop-up. Or kick it with friends in a listening room.”

    Nachdem ich die App gestartet habe, werde ich nach einer Telefonnummer oder E-Mail gefragt: Ich bin zwar überhaupt kein Fan davon, private Daten herauszugeben, aber hey, für die Wissenschaft muss man Opfer bringen! Was auch immer die mit meiner e-Mail in VR wollen, aber nun gut.

    Ähnlich wie bei VARK kann ich mir am Anfang einen Charakter inklusive verschiedener Outfits basteln. Ebenso finde ich mich vor dem eigentlichen Konzert in einer virtuellen Halle wieder. Dort gibt es neben einer kleinen Kunstinstallation Ankündigungen für neue VR Konzerte. Über ein Portal kann ich mich in die Tool VIP Lounge “beamen”, mit einem virtuellen Lamborghini und weiterem Chichi.

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    Bei meinem Besuch ist das Konzert “Enter the simulation” der Band Muse bereits in vollem Gange und so springe ich einfach mitten rein. Aber auch hier bin ich eher mittelprächtig beeindruckt. Zwar scheint das Ganze stereoskopisch aufgenommen zu sein und ich kann dieses Mal an mehrere Standorte springen, der Ton ist aber auch hier wieder nur reines Stereo – egal, welche Perspektive ich einnehme, der Sound ändert sich nicht.

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    Warum arbeitet man nicht zumindest mit Ambisonic oder gleich mit Object-Based Audio? Die Umsetzung ist heute nicht mehr sonderlich schwer und sollte für eine so große Produktion kein Problem sein. Mein Fazit: Eine imposante Bühnenshow ohne entsprechenden Ton erzeugt noch keine gute Konzertatmosphäre.

    Was ändert VR für die Konzert Welt?

    Nun seh ich als Musikwissenschaftler Konzerte vielleicht aus einem anderen Blickwinkel als die Entwickler der jeweiligen Apps. Für mich nimmt die Musik an einem Konzertabend den größten Stellenwert ein, daher ist die Enttäuschung von mir und denen, die das virtuelle Foo Fighters-Konzert besuchen wollten, so groß. Ton und Bildqualität halten zudem (noch) nicht, was man sich insgeheim erhofft. Dennoch ist das nicht das alleinige Merkmal eines Konzerts.

    Der Musikwissenschaftler und Komponist Christopher Small hat den sehr zutreffenden Begriff des “Musicking” geprägt. Kurz gesagt meint er damit, dass zum einen das Konzert zu Hause am Kleiderschrank beginnt und abends bei einem Getränk oder einem Gespräch über das Konzert endet. Zum anderen sind es nicht nur die Musiker auf der Bühne, sondern wir alle, die ein Konzert und das drumherum erst so einzigartig und erinnerungsreich gestalten.

    Vielleicht sollten sich die Firmen und Entwickler solcher Apps von diesem “drumherum” noch ein wenig mehr inspirieren lassen und auch das als ähnlich wichtig für einen gelungenen Konzertabend betrachten. Gebt mir ein musikalisches Erlebnis, was ich in der analogen Welt nicht erleben kann – lasst das “virtual musicking” noch viel spektakulärer sein als die Realität selbst!

    Jacob Richter ist Musikwissenschaftler und momentan wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovend an der HfMT Hamburg. Er beschäftigt sich in seiner Dissertation mit der ästhetischen Wirkung von Musik und Klang in Virtual Reality. Außerdem ist er Sounddesigner, Komponist und Producer u. a. des preisgekrönten VR-Escape Games Huxley (Gewinner des Deutschen Computerspielepreises und VRNow Awards)

    Ich hoffe damit konnte ich etwas neugierig machen. Wenn dem so ist – schreib mir gerne eine Mail.

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