Ein Elektroauto hat keinen Motor, der von allein klingt. Alles, was der Audi e-tron GT nach außen und nach innen abgibt, ist eine Entscheidung: getroffen von zwei Sounddesignern in Ingolstadt, festgehalten in 32 Tonspuren, über hundert Iterationsschritte lang nachjustiert. Der Imagefilm „The Sensation of Sound“ erzählt genau diese Arbeit. Damit hat er ein Problem, das die meisten Werbefilme nicht haben: Er handelt von Klang. In normaler Stereo-Vertonung zeigt er die Arbeit, aber man erlebt sie nicht.
Deshalb wurde entschieden, den Film komplett binaural zu produzieren, als 8D-Audio-Film für Kopfhörer. Ich war als Tonmeister für 3D- und 8D-Audio auf dem Dreh: Beratung im Vorfeld, dann der komplette Originalton am Set, binaural aufgenommen. Kunstkopf, ORTF-Hauptmikrofon, Stützmikrofone am Fahrzeug, Innenraumperspektiven, und nach jeder Einstellung ein Nur-Ton-Durchgang.
Ein Sounddesigner erklärt im Film, dass der Sound eines Autos anders funktioniert als ein Musikstück. Er hat keinen Anfang, keinen Mittelteil und kein Ende. Er läuft, solange das Auto fährt, und reagiert auf Geschwindigkeit, Drehmoment, Fahrmodus und Rekuperation.
Genau dieser Gedanke lässt sich nicht bebildern. Man kann Regler und Bildschirme zeigen, verstanden hat man den Punkt aber erst, wenn man den Unterschied hört. In einem 8D-Audio-Film ist der Ton also die Ebene, die das Thema überhaupt trägt: Klangobjekte, die sich außerhalb des Kopfes bewegen, die näher kommen und wieder weggehen, die von hinten hereinlaufen.
Ich bin bei 8D kein Missionar. Aus Tonsicht ergibt es überhaupt keinen Sinn, einen Klang dauernd um den Kopf kreisen zu lassen. Es funktioniert trotzdem wahnsinnig gut, und es vermittelt nebenbei die richtige Erkenntnis: Man braucht keine speziellen Kopfhörer für räumlichen Ton, weil man ohnehin nur zwei Ohren hat. Für einen Film über Klang ist das genau die Tür, durch die das Publikum geht.
8D-Audio nutzt die Prinzipien der binauralen Aufnahme. Zwei Signale, die dem entsprechen, was am linken und am rechten Ohr tatsächlich ankommt, samt Laufzeit, Pegel und Färbung durch Kopf und Ohrmuschel. Das Gehirn lokalisiert daraufhin außerhalb des Kopfhörers statt zwischen den Ohren.
Der häufigste Fehler dabei ist nicht die Platzierung, sondern die fehlende Rauminformation. Die meisten pannen ihre Quellen im 3D-Raum herum und geben ihnen keinen Hall mit. Dann denkt das Gehirn: Das ist sehr nah an meinem Kopf. In Wirklichkeit hört man einen Klang links oben eben nicht nur links oben, sondern gleichzeitig die Reflexionen von hinten und ein bisschen von rechts. Auch wenn ein Auto rechts von einem steht, kommt links noch etwas an. Das haben wir ein Leben lang gelernt, und ohne diese Information glaubt das Gehirn die Räumlichkeit nicht.
Auf einem echten Dreh ist das deutlich unbequemer, als es in der Musikproduktion aussieht. Drei Dinge musste ich vor dem ersten Drehtag klären, weil sie sich am Set nicht mehr reparieren lassen.
Erstens: Raum und Bewegung sind die Voraussetzung. Ein Klang wird erst dann außerhalb des Kopfes lokalisiert, wenn er Reflexionen mitbringt und wenn er sich bewegt. Der zentrale Drehort war ausgerechnet das Soundlabor, ein reflexionsarmer Raum, also akustisch der schwierigste Ort, den man sich für 8D aussuchen kann. Dort werden Bewegung im Bild und Nur-Ton-Aufnahmen umso wichtiger, weil die Räumlichkeit nicht vom Ort kommen kann.
Zweitens: Es gehen nur ein bis zwei Streams gleichzeitig. Das Gehör kann nicht beliebig viele bewegte Klangobjekte parallel verorten, erst recht nicht gegen ein Bild, das ebenfalls Aufmerksamkeit zieht. Ein dicht belegtes Klangbett zerstört den Effekt, den es erzeugen soll.
Drittens: Musik arbeitet dagegen. Ein durchlaufender Score legt sich flächig über die Szene und nimmt den bewegten Objekten den Raum, in dem sie wirken. Der Film arbeitet deshalb über weite Strecken mit Sounddesign statt mit Musik.
Dazu kommt ein Trick, den ich sonst in Vorträgen benutze und der es hier ins Konzept geschafft hat: An einer Stelle fällt das Schallfeld kurz auf Mono zusammen. Man gewöhnt sich nämlich schnell an räumlichen Ton, weil er dem entspricht, wie man ohnehin hört, und fragt sich nach einer Minute, was daran eigentlich besonders sein soll. Sobald es auf Mono kippt, hört man es sofort.
Der Sound des e-tron GT stammt nicht aus einem Synthesizer-Preset, sondern aus Dingen, die im Werk stehen und Geräusche machen. Ein Sounddesigner hört im Vorbeigehen an einem Rohr, dass sich daraus etwas bauen lässt, das keinen Anfang und kein Ende hat. Ein Modellhelikopter liefert eine Rotorbewegung, die sich loopen lässt. Der Windkanal, ein Lüftungsschacht, die Autoverladung am Güterbahnhof: Materialsammlung.
Audi hat diesen Prozess selbst dokumentiert. Das Making-of zeigt, wie der e-tron Sound am Rechner, im Soundlabor und im fahrenden Auto entstanden ist, bevor er in den Film kam.
Aus diesen Aufnahmen entstehen kurze, loopfähige Schnipsel, ohne hörbare Wiederholung und ohne Störgeräusche. Sie werden in die von Audi selbst entwickelte Software importiert und einzelnen Tonspuren zugewiesen, eine von 32. Danach wird jede Spur an Fahrzeugdaten gekoppelt: Was passiert mit diesem Rohrton, wenn die Geschwindigkeit steigt, wenn der Fahrer rekuperiert, wenn der Fahrmodus von Efficiency auf Dynamic wechselt. Getestet wird am Arbeitsplatz, dann im Labor im Auto, dann auf der Straße. Über hundert Iterationsschritte bis zum finalen Klang.
Für die Vertonung des Films heißt das: Die Drehorte sind gleichzeitig die Tonquellen. Ein Rohr, das im Bild zu sehen ist, muss auch klingen. Deshalb habe ich an jedem Ort zusätzlich zum Interview-Originalton mit mehreren Systemen parallel aufgenommen. Kunstkopf für alles, was später um den Kopf wandern sollte, Mono-Richtrohr für die Objekte, die in der Postproduktion frei platzierbar bleiben mussten. Ein Kunstkopf starrt stur in eine Richtung, das ist seine Grenze — deshalb hat meiner mehrere Ohrpaare, damit sich die Ausrichtung einer Aufnahme im Nachhinein noch drehen lässt. Wo es ging, lief nach dem Bild ein reiner Ton-Durchgang: dieselbe Bewegung, dieselbe Distanz, aber ohne Kamerateam im Raum.
Am Fahrzeug selbst war der Aufwand am größten. Der e-tron GT ist akustisch ein Flächenstrahler. Er klingt vorne anders als seitlich und innen anders als außen, und genau dieser Unterschied ist die Aussage der Szene. Also Stützmikrofone außen, Hauptmikrofon vorne, Innenraumperspektiven, dazu Umrundungen, damit sich in der Mischung nachvollziehen lässt, wie sich der Klang beim Gehen verändert.
Aus dem Dreh sind zwei Filme entstanden: der Emotionsfilm „The Sensation of Sound“ und ein Erklärfilm, der den Software-Workflow Schritt für Schritt zeigt. Der Emotionsfilm ist der 8D-Film, für Kopfhörer gemischt und mit der Bewegung, die im Konzept festgelegt wurde. Der Erklärfilm bleibt bewusst nüchterner, weil dort die Erklärung im Vordergrund steht.
Das eingebettete Video ist Audis öffentliches Making-of zum e-Sound. Es zeigt die Arbeit, gibt aber nur einen Teil davon wieder: Der 8D-Film selbst liegt nicht auf YouTube, und er wirkt ohnehin nur mit Kopfhörern.
Nach Angaben der Produktion ist der Emotionsfilm der erfolgreichste Festivalfilm der Audi-Kommunikation:
Der Grand Prix ist der größte dieser Preise. Über die Tonarbeit sagt der Sounddesign-Preis am meisten aus, weil er genau die Ebene bewertet, für die der Film überhaupt binaural produziert wurde.
Mein Anteil daran war „nur“ der Originalton am Set. Die Mischung und das Sounddesign lagen bei Christian Hartmann und Dimitrios Karras, der e-Sound des Fahrzeugs bei den Audi-Sounddesignern Rudolf Halbmeir und Dr. Stephan Gsell. Aus diesen Aufnahmen ist am Ende trotzdem einiges geworden: ohne binaurales Material vom Dreh hätte sich der Film in der Postproduktion nicht mehr räumlich mischen lassen. Was am Set nicht aufgenommen wurde, holt später niemand zurück.
Für mich war das Projekt die erste Produktion, in der ich 8D-Audio in dieser Form für einen Markenfilm eingesetzt habe. Und es ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem Internet-Phänomen ein Auftrag wird: 8D ist nicht in einem Tonstudio entstanden, sondern im Netz. Wer es übersetzen kann, bekommt Anfragen. Im Jahr darauf kam die nächste Audi-Produktion, diesmal ASMR in 8D für den R8 GT, gedreht bei über 30 Grad in Guadix. Der Ansatz dahinter ist derselbe geblieben: Automotive-Sound hörbar machen statt ihn zu illustrieren.
Ob Fahrzeugsound, Produktakustik oder ein Thema, das man erklären kann, aber besser hören sollte: Ich berate vor dem Dreh und nehme am Set so auf, dass die Räumlichkeit in der Postproduktion noch da ist.
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