Der Olympiapark München ist ein Ort mit zwei Erinnerungen, die sich nicht trennen lassen. Es gibt die Spiele, die Konzerte, die Sommerabende am See. Und es gibt 1972, das Attentat, den Bruch. Beides liegt auf demselben Rasen.
Für das fünfzigste Jubiläum der Spiele hat das Künstlerduo M+M eine VR-Installation für genau diesen Ort gebaut, und ich habe den Ton dazu gemacht. „Olympic Vertigo“ stand vom 2. bis 9. Juli 2022 auf der Kiesfläche am Olympiasee, unterhalb der Olympia-Schwimmhalle. Man stellte sich auf eine runde Plattform, setzte eine Brille auf und stand danach an derselben Stelle, nur eben nicht ganz.
Was man in der Brille sieht, ist der nachgebaute Park, und darin bewegen sich menschengroße Gottesanbeterinnen im Takt. Nach einer Weile bricht der Olympiaturm zusammen, die Tiere verschwinden, der Staub legt sich, der Turm steht wieder da, und alles beginnt von vorn.
Der Kern der Arbeit lag aber nicht in diesem Ereignis, sondern in der Musik. Die Idee der Künstler war, die Jahrzehnte des Parks als Sektoren um den Zuschauer zu legen. Fünf Tortenstücke, in jedem eine eigene Fassung derselben Musik, gleiches Tempo, gleicher Takt, unterschiedliche Instrumentierung. Wer den Kopf dreht, wandert durch die Zeit, ohne dass die Musik je neu anfängt.
Das klingt nach einer einfachen Regel und ist es beim Bauen nicht. Wenn fünf Fassungen gleichzeitig laufen und man nur die Blickrichtung hervorhebt, hört man leicht einen Brei aus allem. Schaltet man dagegen hart um, hört man die Umschaltung statt der Musik. Der Weg dazwischen läuft über einen Fokus-Parameter, der eine Richtung anhebt und die übrigen absenkt, ohne sie ganz wegzunehmen. Die Umgebung bleibt vollständig, die Aufmerksamkeit bekommt eine Richtung.
Es gibt an so einer Produktion einen Teil, über den in Konzepten selten steht, der aber über das Ergebnis entscheidet. Die Installation lief auf mehreren autarken Brillen gleichzeitig, draußen, im Park, bei Tageslicht und Umgebungsgeräuschen. Was in einem Studio funktioniert, funktioniert dort noch lange nicht.
Bass war dabei das größte Thema. Eine Musik, die vom Puls lebt, braucht unten herum Substanz, und genau die geben mobile Kopfhörer an einer Brille am schlechtesten her. Dazu kommt die Umgebung: Ein Park im Juli ist nicht leise. Wir haben deshalb Aufsteckkopfhörer getestet und ausgewählt, also Hörer, die fest an der Brille sitzen und beim Wechsel von Besucher zu Besucher nicht verloren gehen. Bei einer Installation, die tagelang durchläuft und an der niemand dauerhaft betreut, ist das keine Nebensache.
Der einstürzende Turm war die zweite Aufgabe, an der sich Mobilgeräte rächen. Ein Einsturz lebt normalerweise von unten heraus, von Frequenzen, die man eher spürt als hört, und genau die fehlen auf Aufsteckkopfhörern im Freien. Also musste die Wucht aus Bereichen kommen, die auch klein wiedergegeben noch da sind: aus dem Knirschen und Reißen im Mittenbereich, aus dem plötzlichen Wegbleiben der Musik und aus der Stille danach, während sich der Staub legt. Ein Ereignis wirkt nicht deshalb groß, weil es laut ist, sondern weil vorher und nachher etwas anderes war.
Ein zweiter Punkt kam aus der Erfahrung mit Film. Alles, was zu deutlich nach Mensch klingt, nimmt einer solchen Szene den Realismus, weil das Gehirn sofort nach der Person sucht, die es nicht gibt. Die Gottesanbeterinnen mussten deshalb hörbar Tiere bleiben und durften nicht anfangen zu wirken wie Leute in Kostümen. Der Ort selbst ist als Kiesfläche definiert, was für den Ton praktisch ist: Kies erzeugt bei jeder Bewegung Geräusch, und ein Tier, das über Kies auf einen zuläuft, braucht keine Erklärung.
Dazu kommt eine Eigenheit von Installationen, die man im Film nie hat. Das Stück läuft in einer Schleife, und manche Besucher stehen zwei Durchgänge lang auf der Plattform, während das Personal daneben acht Stunden am Tag danebensteht. Was beim ersten Hören stark wirkt, kann beim vierten Mal unerträglich sein, besonders bei einem auffälligen Geräusch an immer derselben Stelle. Das ist ein Grund, Effekte eher zurückzunehmen, als sie auszureizen.
Entstanden ist eine Installation, die eine Woche lang täglich lief, wochentags von vierzehn bis zweiundzwanzig Uhr, am Wochenende ab zwölf, auf mehreren Brillen gleichzeitig, mitten im Park und ohne Eintritt.
Verantwortlich für Konzept und künstlerische Umsetzung war M+M, also Marc Weis und Martin De Mattia. Die technische Umsetzung lag bei Jörg Liebold, die Projektkoordination bei Tanja Schmitt-Fumian, beide von der Hochschule Macromedia in München, die als Partner beteiligt war. Die Musik stammt von Polly Lapkovskaja und Mikko Gaestel, den Metallbau der Plattformen machte Michael Ganser. Ich war für den Ton zuständig. Über den Klang selbst darf ich nichts veröffentlichen, das war Wunsch der Auftraggeber, und daran halte ich mich.
Was sich an diesem Projekt gut zeigen lässt, ist eine Regel, die für jede Installation gilt, nicht nur für Kunst. Der Ton ist dort nicht das, was man am Schluss darüberlegt, sondern die Mechanik, die das Erlebnis überhaupt steuert. Nimmt man in „Olympic Vertigo“ die Richtungsabhängigkeit der Musik heraus, bleibt ein hübsches Bild mit Techno darauf. Dieselbe Frage stellt sich bei jeder Anwendung, die auf einer Brille läuft, etwa beim VR-Prototyp zum Flugboot Dornier Do X. Lässt man sie drin, dreht sich der Besucher von selbst und merkt dabei, dass der Ort mehrere Zeiten gleichzeitig hat. Ähnlich funktioniert das bei Flucht in die Wälder, wo die Position im Raum die Erzählung trägt.
Was im Studio funktioniert, funktioniert draußen selten unverändert. Lass uns früh über Wiedergabe, Kopfhörer und Betrieb reden, nicht erst beim Aufbau.
Jetzt unverbindlich anfragen