Der Olympiapark München ist ein Ort mit zwei Erinnerungen, die sich nicht trennen lassen. Es gibt die Spiele, die Konzerte, die Sommerabende am See. Und es gibt 1972, das Attentat, den Bruch. Beides liegt auf demselben Rasen.
Für das fünfzigste Jubiläum der Spiele hat das Künstlerduo M+M eine VR-Installation für genau diesen Ort gebaut, und ich habe den Ton dazu gemacht. „Olympic Vertigo“ stand vom 2. bis 9. Juli 2022 auf der Kiesfläche am Olympiasee, unterhalb der Olympia-Schwimmhalle. Man stellte sich auf eine runde Plattform, setzte eine Brille auf und stand danach an derselben Stelle, nur eben nicht ganz.
Was man in der Brille sieht, ist der nachgebaute Park, und darin bewegen sich menschengroße Gottesanbeterinnen im Takt. Nach einer Weile bricht der Olympiaturm zusammen, die Tiere verschwinden, der Staub legt sich, der Turm steht wieder da, und alles beginnt von vorn.
Der Kern der Arbeit lag in der Musik. Die Idee der Künstler war, die Jahrzehnte des Parks als Sektoren um den Zuschauer zu legen: 70er, 80er, 90er, 2000er und 2010er. Fünf Tortenstücke, in jedem eine eigene Fassung derselben Musik, gleiches Tempo, gleicher Takt, unterschiedliche Instrumentierung. Wer den Kopf dreht, wandert durch die Zeit, ohne dass die Musik je neu anfängt.
Das klingt nach einer einfachen Regel und ist es beim Bauen nicht. Wenn fünf Fassungen gleichzeitig laufen und man nur die Blickrichtung hervorhebt, hört man leicht einen Brei aus allem. Schaltet man dagegen hart um, hört man die Umschaltung statt der Musik. Der Weg dazwischen läuft über einen Fokus-Parameter, der eine Richtung anhebt und die übrigen absenkt, ohne sie ganz wegzunehmen. Die Umgebung bleibt vollständig, die Aufmerksamkeit bekommt eine Richtung.
Damit das funktioniert, mussten die fünf Fassungen zueinander passen. Alle folgen demselben Bogen: erst nur die Bassline, dann die typischen Elemente des Jahrzehnts, später immer dichter. Und kein wichtiges Element durfte in zwei Jahrzehnten vorkommen. Klingt ein Synthesizer in den 90ern genauso wie in den 2010ern, weiß man beim Umdrehen nicht mehr, wo man ist.
Es gibt an so einer Produktion einen Teil, über den in Konzepten selten etwas steht, der aber über das Ergebnis entscheidet. Die Installation lief auf mehreren autarken Brillen gleichzeitig, draußen im Park, bei Tageslicht und mit Umgebungsgeräuschen. Was im Studio funktioniert, funktioniert dort noch lange nicht.
Bass war dabei das größte Thema. Eine Musik, die vom Puls lebt, braucht unten herum Substanz, und genau die geben mobile Kopfhörer an einer Brille am schlechtesten her. Dazu kommt die Umgebung: Ein Park im Juli ist nicht leise. Wir haben deshalb Aufsteckkopfhörer getestet und ausgewählt, also Hörer, die fest an der Brille sitzen und beim Wechsel von Besucher zu Besucher nicht verloren gehen. Bei einer Installation, die tagelang durchläuft und die niemand dauerhaft betreut, ist das wichtig.
Der einstürzende Turm war die zweite Stelle, an der sich Mobilgeräte rächen. Erst kippt er, dann kommen der freie Fall und der Aufprall. Ein Einsturz lebt normalerweise von Frequenzen, die man eher spürt als hört, und genau die fehlen auf Aufsteckkopfhörern im Freien. Also musste die Wucht aus Bereichen kommen, die auch klein wiedergegeben noch da sind: aus dem Knirschen und Reißen im Mittenbereich, aus dem plötzlichen Wegbleiben der Musik und aus der Stille danach, während sich der Staub legt. Ein Ereignis wirkt groß, wenn vorher und nachher etwas anderes war.
Die Gottesanbeterinnen mussten hörbar Tiere bleiben. Alles, was zu deutlich nach Mensch klingt, nimmt einer solchen Szene den Realismus, weil das Gehirn sofort nach der Person sucht. Der Ort half dabei: Auf einer Kiesfläche erzeugt jede Bewegung Geräusch, und leichte Trippelschritte im Kies, die auf einen zukommen, brauchen keine Erklärung. Für das Zirpen der Tiere hatte ich vorgeschlagen, es auf das Tempo der Musik zu setzen, damit sie sich in das Stück einfügen.
Und dann gibt es eine Eigenheit von Installationen, die man im Film nie hat. Das Stück läuft in einer Schleife, manche Besucher stehen zwei Durchgänge lang auf der Plattform, und das Personal steht acht Stunden am Tag daneben. Was beim ersten Hören stark wirkt, kann beim vierten Mal unerträglich sein, besonders ein auffälliges Geräusch an immer derselben Stelle. Das ist ein Grund, Effekte eher zurückzunehmen, als sie auszureizen.
Die Installation lief eine Woche lang täglich, wochentags von vierzehn bis zweiundzwanzig Uhr, am Wochenende ab zwölf, auf mehreren Brillen gleichzeitig, mitten im Park und ohne Eintritt. Als ich selbst vorbeigeschaut habe, kam sie bei den Besuchern gut an.
Verantwortlich für Konzept und künstlerische Umsetzung war M+M, also Marc Weis und Martin De Mattia. Die technische Umsetzung lag bei Jörg Liebold, die Projektkoordination bei Tanja Schmitt-Fumian, beide von der Hochschule Macromedia in München, die als Partner beteiligt war. Die Musik stammt von Polly Lapkovskaja und Mikko Gaestel, den Metallbau der Plattformen machte Michael Ganser. Ich war für den Ton zuständig. Hörbeispiele gibt es bewusst keine: M+M verstehen die Musik als Prototyp, an dem sie weiterarbeiten wollen, und daran halte ich mich.
Was sich an diesem Projekt gut zeigen lässt, gilt für jede Installation: Der Ton steuert dort das Erlebnis. Nimmt man in „Olympic Vertigo“ die Richtungsabhängigkeit der Musik heraus, bleibt ein hübsches Bild mit Techno darauf. Lässt man sie drin, dreht sich der Besucher von selbst und merkt dabei, dass der Ort mehrere Zeiten gleichzeitig hat. Dieselbe Frage stellt sich bei jeder Anwendung, die auf einer Brille läuft, etwa beim VR-Prototyp zum Flugboot Dornier Do X. Ähnlich funktioniert das bei Flucht in die Wälder, wo die Position im Raum die Erzählung trägt.
Welche Kopfhörer eignen sich für eine VR-Installation im Freien? Kopfhörer, die fest an der Brille sitzen und beim Besucherwechsel nicht verloren gehen. Sie geben wenig Bass wieder, deshalb muss der Mix auch ohne tiefe Frequenzen tragen.
Wie hört man in VR, wohin man schaut? Über einen Fokus-Parameter: Die Blickrichtung wird angehoben, alles andere leiser, aber nie stumm. So bleibt der Raum vollständig und die Aufmerksamkeit hat trotzdem ein Ziel.
Was ist bei einer Installation im Dauerbetrieb anders als beim Film? Das Stück läuft in einer Schleife, Besucher bleiben oft mehrere Durchgänge und das Personal den ganzen Tag. Auffällige Effekte nutzen sich schnell ab und sollten sparsam bleiben.
Was im Studio funktioniert, funktioniert draußen selten unverändert. Lass uns früh über Wiedergabe, Kopfhörer und Betrieb reden, nicht erst beim Aufbau.
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