Graffiti klingt aus zwei Metern Entfernung völlig anders als aus zwanzig. Von weitem hört man gar nichts, direkt daneben klackert die Kugel in der Dose, und dann kommt ein Zischen, das je nach aufgesteckter Kappe breit und weich oder schmal und scharf ausfällt. Die dicke Kappe, mit der man große Flächen füllt, heißt Fat Cap und gab dem Film seinen Namen.
Genau dort steht in diesem Film die Kamera: oben im Korb einer Hebebühne, direkt neben dem Künstler, etliche Meter über dem Boden. „Fatcap“ ist ein 360°-Kurzdokumentarfilm von Christian Felder über das Münchner Street-Art-Festival SCALE. Ich habe die räumliche Mischung gemacht.
In einem normalen Dokumentarfilm entscheidet der Schnitt, wo man ist: erst die Wand aus der Totale, dann die Dose in Großaufnahme, dann das Gesicht. In 360° gibt es diesen Wechsel nicht, der Zuschauer sitzt dort, wo die Kamera steht, und er bleibt dort, bis der Film ihn woanders hinsetzt.
Hier ist dieser Platz alles andere als selbstverständlich, denn man steht im Arbeitskorb einer Hebebühne, hoch über einem Bürocampus im Münchner Nordosten. Alles, was den Ort ausmacht, liegt unten: der Motor der Bühne, die Straße, die Leute, die vorbeigehen. In Griffweite bleibt nur die Wand und die Dose davor.
Für die Mischung heißt das, dass die gewohnte Verteilung nicht funktioniert. Normalerweise ist die Umgebung um einen herum und ein bisschen darüber. Hier ist sie unter einem. Wer die Atmosphäre einfach flach um den Kopf legt, setzt den Zuschauer auf den Boden zurück, obwohl das Bild ihn zehn Meter höher zeigt. Dann stimmt etwas nicht, und die meisten Leute merken das auch, ohne benennen zu können, was genau ihnen fehlt.
Dazu kam die Sprachlage. Am SCALE-Festival 2017 arbeiteten zwölf Künstlerinnen und Künstler aus acht Ländern an den Fassaden, unter anderem Aryz aus Spanien, Axel Void aus den USA, Os Gemeos aus Brasilien, Sainer aus Polen, jana&js aus Österreich und Frankreich sowie aus dem Münchner Umfeld Loomit, Daniel Man, SatOne und die Stone Age Kids.
Die Interviews sind entsprechend mehrsprachig, und ein Teil davon läuft als Erzählstimme über Bildern, auf denen die sprechende Person gar nicht zu sehen ist. Für die Verständlichkeit bedeutet das zweierlei. Erstens muss jede Stimme sauber vor der Umgebung stehen, auch wenn die Umgebung an einem windigen Julitag auf zehn Metern Höhe aufgenommen wurde. Zweitens laufen Untertitel mit, und Untertitel in 360° sind ein eigenes Problem, weil sie im Bild kleben, während der Kopf sich dreht. Wer den Text sucht, hört in dieser Zeit nicht zu. Also darf in genau diesen Momenten klanglich nichts Wichtiges passieren.
Die erste Entscheidung betraf die Erzählstimme, die man räumlich platzieren kann, damit sie zur Umgebung gehört. Wir haben sie bewusst in Mono gelassen und gar nicht verortet. Der Grund ist eine Beobachtung aus einer eigenen Studie: Eine Off-Stimme funktioniert als Erzählebene nur dann, wenn alles andere lokalisierbar bleibt, weil erst der Kontrast sie als Kommentar lesbar macht. Ist beides ortlos, weiß niemand mehr, was Erzählung ist und was Szene.
Die zweite Entscheidung betraf die Musik, und sie ist der eigentliche Kniff dieser Mischung. Musik bleibt in 360°-Produktionen üblicherweise statisch am Kopf kleben, damit sie sich beim Drehen nicht verschiebt. Ich habe sie stattdessen aus einer Richtung kommen lassen und sie im Verlauf wandern lassen. Damit wird ausgerechnet das Element zum Wegweiser, das man sonst festhält.
Das ist keine Spielerei, sondern eine Notlösung, die sich als die bessere Lösung herausgestellt hat.
In einer Szene, in der jemand minutenlang konzentriert eine Wand füllt, passiert klanglich fast nichts: keine Tür, die zufällt, kein Schritt, der die Aufmerksamkeit zieht, kein Wortwechsel. Wer in 360° nichts hat, das den Blick führt, verliert das Publikum an die Aussicht. Also übernimmt die Musik diese Aufgabe und zieht die Aufmerksamkeit dorthin, wo die Arbeit passiert.
Zehn Meter über dem Boden im Korb einer Hebebühne gibt es zwei Sorten Ton: das, was direkt vor der Kamera passiert, und das, was von unten heraufkommt. Beides muss getrennt aufgenommen werden, weil es später getrennt behandelt wird.
Direkt am Geschehen sind das die Geräusche, die den Film ausmachen und ohne die Graffiti nicht nach Graffiti klingt: das Schütteln der Dose, die Kugel darin, das Zischen beim Sprühen, das je nach Kappe anders ausfällt. Diese Geräusche sind leise, und sie stehen in Konkurrenz zum Wind, der auf dieser Höhe immer da ist. Ein Julitag auf einer Hebebühne ist akustisch kein bequemer Ort.
Von unten kommt der Rest: der Motor der Bühne, die Straße, Menschen auf dem Campus. Diese Ebene ist es, die den Zuschauer nach oben setzt, wenn sie richtig liegt. Liegt sie flach um den Kopf, sitzt er wieder unten, egal was das Bild zeigt.
Der Film lief als 360°-Kurzdokumentation über das SCALE-Festival mit räumlichem Ton, gemischt für Kopfhörerwiedergabe mit Kopfverfolgung. Was bleibt, ist eine Erkenntnis, die ich seitdem oft wieder gebraucht habe: In 360° ist Musik nicht nur Untermalung, sondern das einzige Element, das man frei bewegen kann, ohne dass es unglaubwürdig wird. Ein Schritt, der von rechts kommt, muss von rechts kommen. Musik darf dorthin, wo sie gebraucht wird.
Ähnlich habe ich in Flucht in die Wälder gearbeitet, wo ebenfalls der Ton entscheidet, wohin das Publikum schaut, und bei einem Wandel durch Leipzig, wo eine Bewegung durch die Stadt zusammengehalten werden musste.
Wenn dein Film an einem Ort spielt, den die Kamera allein nicht erklärt, entscheidet der Ton darüber, ob das Publikum bleibt. Sprich mich früh an.
Jetzt unverbindlich anfragen