Ein Baum braucht seine Zeit, ein Möbelstück auch. JANUA baut Tische und Sideboards aus massivem Holz und Naturstein, und für die Messe wollte die Marke erlebbar machen, was man einem fertigen Tisch nicht mehr ansieht: den Weg vom Wald bis zur Werkstatt. Daraus wurde 2018 ein 360°-Film mit dem Regie-Studio Mirror+Sparks, gedreht in Wäldern rund um Salzburg, in Dorfen und in Starnberg, dazu an einem Bergsee bei Garmisch und in einem Wildpark nördlich von München. Ich habe den Ton gebaut.
Für ein Möbelstück gibt es keine Handlung, an der sich Ton normalerweise entlanghangelt. Kein Dialog, keine Verfolgungsjagd, kein Spannungsbogen. Was JANUA zeigen wollte, war eine Haltung: dass Holz ein Material mit Geschichte ist, und dass man diese Geschichte spürt, wenn man sie langsam erzählt.
Der Film zeigt Stefan Knopp, den Handwerker, der aus rohem Holz eine Tischplatte fertigt, dazu Manuel Müller, der über einen Bergsee paddelt, während im Hintergrund die Werkstatt raucht. Dazwischen liegen Naturaufnahmen aus dem Wildpark: ein Adler, der vom Ast startet, Menschen, die Bäume pflanzen. Die Szenen sind ruhig, teils zeitraffend, mit wenig Bewegung im Bild. Das macht den Ton wichtig: Wo sich das Bild kaum verändert, muss der Raum die Zeit tragen.
Ich habe die Ambisonics-Aufnahmen selbst im Wald gemacht, direkt neben der 360°-Kamera, meist eine Nokia Ozo, für die Doppelseiten-Aufnahmen ein Stereo-Z-Cam-Rig. Das bedeutet, dass Kamera und Mikrofon am selben Ort stehen und derselben Blickrichtung folgen müssen, sonst passt später nichts zusammen. Bei einem Waldshoot heißt das: viel Geduld, bis der Wind steht und kein Ast knackt, der nicht ins Bild gehört.
Die deutsche Fassung trägt eine sehr zurückhaltende Sprecherstimme, die Sätze wie „Holz ist Leben, es wächst über Generationen hinweg und erlebt Geschichte“ spricht. Fast überall sonst läuft kein Wort. Das war eine bewusste Entscheidung von Mirror+Sparks: möglichst wenig Voice-Over, damit der Wald selbst die Geschichte erzählt und die Sprache nicht dazwischenredet.
Der fertige Mix hat drei Ebenen. Die Sprecherstimme trägt die wenigen Sätze. Eine Ebene mit Effekten reagiert auf die Blickrichtung, etwa wenn ein Adler aus dem Off ins Bild fliegt oder die Flamme beim Räuchern der Bretter aufflammt. Und darunter liegt ein Ambience-Teppich aus Wald, Wasser und Werkstatt, der nie auffällig sein darf, weil er sonst vom eigentlichen Bild ablenkt.
Für die Werkstattszenen kam eine weitere Ebene dazu, die eher nach Sounddesign als nach Naturaufnahme klingt: das Anzünden des Brenners, das Rauschen der Flamme über dem Holz, das Klappern von Werkzeug beim Zurechtlegen. Diese Momente sind kurz, aber sie sitzen exakt auf dem Bild, weil das Räuchern der Tischplatte der eine Moment im Film ist, in dem tatsächlich etwas passiert. Ohne einen satten, nah aufgenommenen Flammensound wirkt die Szene wie eine Werkzeugvorführung. Mit ihm wird sie zu dem Moment, für den der ganze Film gebaut ist.
Die größere Herausforderung war das Sounddesign für die Blickrichtung selbst. In einem normalen Film entscheidet der Schnitt, was der Zuschauer sieht. Im Kopfhörer entscheidet der Zuschauer das selbst, indem er den Kopf dreht. Jedes Ereignis, das die Aufmerksamkeit lenken soll, wie der startende Adler oder ein Tier am Wegrand, musste räumlich exakt an der Stelle sitzen, an der es im Bild passiert, sonst dreht sich niemand in die richtige Richtung.
Am Bergsee bei Garmisch kam eine dritte Klangwelt dazu, die mit Wald und Werkstatt fast nichts gemeinsam hat. Wasser, das gegen ein Surfboard schlägt, ein Kanu, das durchs Bild paddelt, dazu die besondere Akustik einer Wasserfläche, die Schall anders trägt als Laub oder Sägespäne. Für einen Film, der drei so unterschiedliche Orte in einer einzigen ruhigen Erzählung verbindet, muss jede Location akustisch für sich funktionieren und trotzdem in denselben Gesamtklang passen, sonst merkt man den Schnitt zwischen den Welten.
Die Postproduktion lief nicht so glatt, wie es der fertige Film vermuten lässt. Die Festplatte mit dem Rohmaterial kam später als geplant, Videofassungen wurden über Wochen nachgereicht, und einmal hatte eine neue Schnittversion einen Frameversatz, der den Ton an mehreren Stellen asynchron machte. Bei einem Projekt mit so vielen wechselnden Szenen und Zulieferern gehört das dazu: Der Ton kann erst richtig fertig werden, wenn das Bild wirklich final ist, und bis dahin bleibt man in Wartestellung.
Am Ende stand nicht nur ein Film, sondern eine Installation. JANUA zeigte die Erfahrung auf der IEM Köln und beim Salone del Mobile in Mailand, jeweils 2019, in einem eigens gebauten Holzelement mit zwei Gucklöchern. Darin steckte eine Oculus Go, die man von außen nicht sehen sollte, dazu ein Lautsprecher im Boden, der den Ton in die Füße der Besucher brachte, bevor sie überhaupt die Brille aufgesetzt hatten. Die App dafür hat Sebastian Abel programmiert, auf meine Empfehlung, weil man für ein Messe-Setup mit Standalone-Headset einen anderen Workflow braucht als für ein Studio-Video.
Für die Postproduktion habe ich mit Studierenden der Hochschule Macromedia zusammengearbeitet, die die Auslieferung mitbetreut haben. Die Beschallung eines 30 Quadratmeter großen Messestands ist eine andere Aufgabe als ein Kopfhörermix: Hier musste der Ton so leise bleiben, dass man ihn erst hört, wenn man wirklich nah herangeht, ohne dass er im Getümmel einer Möbelmesse komplett untergeht.
Herausgekommen ist eine VR-Erfahrung, die JANUA selbst als Liebeserklärung an den ältesten Werkstoff der Welt beschrieben hat. Der Ton sollte diese Haltung tragen, ohne sie auszusprechen: nicht erklären, dass Holz besonders ist, sondern es fühlbar machen, indem der Wald so klingt, wie er sich anfühlt, wenn man wirklich einmal stehen bleibt und zuhört.
Vom Feldrecording im Wald bis zur Beschallung am Stand, aus einer Hand.
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